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Aachener Ingenieurpreis an Professor Manfred Weck

(Bild: Peter Winandy)

In der Welt der Maschinen

Der langjährige Direktor des Werkzeugmaschinenlabors der RWTH Aachen, Professor Dr.-Ing. Dr. Ing. E. h. Manfred Weck, wird mit dem Aachener Ingenieurpreis geehrt. Ein Porträt.

Während seine Mitschüler an heißen Sommertagen ins Freibad sprangen, tauchte Manfred Weck in die Welt der Maschinen ein. Im 30-Personen-Betrieb seiner Eltern, der chirurgische Instrumente wie Zangen, Skalpelle oder Klemmen produzierte, wurde er bereits als junger Mensch mit dem Maschinenbau vertraut. Das Thema ließ ihn nicht mehr los: Über Jahrzehnte prägte er die Forschung und Entwicklung von
Maschinen zur Fertigung von Werkstücken – als Leiter des Lehrstuhls für Werkzeugmaschinen und einer der Direktoren des Werkzeugmaschinenlabors der RWTH Aachen. „Manfred Weck hat mit seinem Wirken wesentlich zum Verständnis und zur Verbesserung der Werkzeugmaschine beigetragen, die das Zentrum der industriellen Produktion bildet. Er hat sie bis in die kleinsten Funktionsmechanismen erforscht“, sagt RWTH-Rektor Professor Ernst Schmachtenberg. „Aachener Ingenieure genießen überall auf der Welt einen herausragenden Ruf, Professor Weck ist einer der besonders anerkannten“, betont auch Marcel Philipp, Oberbürgermeister der Wissenschaftsstadt im Westen Deutschlands. Am 8. September wird Professor Dr.-Ing. Dr. Ing. E. h. Manfred Weck von RWTH und Stadt Aachen in einem Festakt im Krönungssaal des Rathauses – weltweit bekannt als Ort der Verleihung des Internationalen Karlspreises – für sein Lebenswerk mit dem Aachener Ingenieurpreis 2017 ausgezeichnet. Eine Woche später, am 16. September, hält der Maschinenbauexperte die Keynote Speech beim Graduiertenfest der Exzellenzuniversität –  vor mehr als 5.000 Menschen im prestigeträchtigen Dressurstadion des CHIO Aachen.

Mit dem Preis werden erklärtermaßen Menschen gewürdigt, die mit ihrem Schaffen einen maßgeblichen Beitrag zur positiven Wahrnehmung oder Weiterentwicklung des Ingenieurwesens geleistet haben. Der Verein Deutscher Ingenieure VDI stiftet die Skulptur „Kreuzende Ellipsen“ der Künstlerin Mariana Castillo Deball, die jedem Preisträger verliehen wird. Intention zur Schaffung dieser Auszeichnung war nicht nur, das Ansehen ingenieurwissenschaftlicher Leistungen zu fördern. Den derart Geehrten gelang ebenso, gesellschaftliche oder wirtschaftliche Impulse zu setzen und nachwachsende Generationen zu inspirieren. Zu ihnen gehört Berthold Leibinger,  der aus der kleinen schwäbischen Maschinenfabrik Trumpf einen High-Tech-Konzern der Lasertechnologie machte. Als Gesellschafter gehört er heute immer noch zur Trumpf GmbH + Co. KG. Oder Franz F. Pischinger, der als RWTH-Professor die FEV Motorentechnik GmbH als Spin-off in Aachen gründete, die dann weltweit expandierte. 2016 war Thomas Reiter Preisträger, der als Astronaut wie kaum ein anderer deutscher Ingenieur den Aufbruch in ferne Welten symbolisiert.

Kein geradliniger Weg

Der Weg von Manfred Weck aus dem elterlichen Betrieb, der Firma Gustav Weck in Solingen, in das Werkzeugmaschinenlabor der RWTH Aachen verlief nicht geradlinig. Eigentlich war er dazu vorgesehen, nach Mittlerer Reife, Höherer Handelsschule und einer Lehre als Werkzeugmacher auf Dauer in den elterlichen Betrieb einzusteigen. Entgegen dem Willen seiner Eltern entschloss sich der Junior, die Ingenieursschule in Iserlohn zu besuchen. Moralisch unterstützt von seiner Frau folgte das Studium an der Technischen Hochschule in Aachen: Er schrieb sich für Maschinenbau in der  Fachrichtung Fertigungstechnik ein. Nach nur drei Jahren erwarb er im Jahr 1966 das Diplom – trotz weiterer Mitarbeit im elterlichen Unternehmen, um seine junge Familie ernähren zu können.

Der Solinger promovierte am WZL und war tätig als Oberingenieur (OI) unter Herwart Opitz – dem Mann, der laut Weck „das WZL zu Weltglanz führte“. Noch heute empfindet er es als Ehre, für Opitz gearbeitet zu haben. Es folgte dann der Schritt in die Industrie – ab 1971 als Geschäftsführer Technik bei der Firma Wolf-Geräte in Betzdorf. Noch während seiner OI-Tätigkeit habilitierte er sich und hielt Vorlesungen, denn es war sein Wunsch, auch während der Industrietätigkeit die Verbindung zur RWTH nicht abreißen zu lassen.1973 wurde Weck dann einer der Nachfolger von Opitz an der RWTH: 238 junge Ingenieure promovierten in 31 Jahren bei dem leidenschaftlichen Hochschullehrer, nicht wenige wurden Vorstände in angesehenen Firmen oder Professoren an anderen Hochschulen.

Bis zu seiner Emeritierung im Jahr 2004 leitete Weck den Aachener Lehrstuhl für Werkzeugmaschinen. Während dieser Zeit baute er gemeinsam mit den weiteren WZL-Direktoren Professor Walter Eversheim, Professor Wilfried König und Professor Tilo Pfeifer nicht nur das WZL weiter aus sondern auch das 1980 von diesen gegründete Fraunhofer-Institut für Produktionstechnologie IPT. Bei letzterem trieb Weck vor allem den Leichtbau für hochdynamisch bewegte Maschinenstrukturen und die Ultrapräzisionsfertigung insbesondere für optische Anwendungen voran. 1988 gründete er die „Forschungsgemeinschaft Ultrapräzisionstechnik“.

Früher waren Maschinenbauer mehr Tüftler

Es war ein ereignisreiches Berufsleben – von den ersten Schritten der Digitalisierung mittels Lochkarten bis hin zu Micro-Prozessrechner gesteuerten Maschinen. Die erste numerisch gesteuerte Maschine in Europa auf Basis eines Prozessrechners stand in Aachen am WZL. „Die Werkzeugmaschine ist heute ein hochpräzises Hightech-Gerät. Dank umfassender Berechnungs- und Simulationstechniken ist man heute dazu in der Lage, die Fertigungszeit und Qualität der auf der angedachten Maschine zu fertigenden Werkstücke zu beschreiben, obwohl die Maschine überhaupt noch nicht existiert“, erläutert Experte Weck. Früher mussten aufwändige Modelle der geplanten Maschine konstruiert, gebaut, getestet und optimiert werden, bevor dann der erste Prototyp erstellt wurde, der seinerseits häufig noch weitere Optimierungsschleifen zu durchlaufen hatte. „Diesen Status habe ich zu Beginn meines Berufslebens noch erlebt. So war man früher mehr der Tüftler.“

Weck sagt dies ohne Wehmut; er sieht deutlich – immer vorausschauend – die Vorteile der Digitalisierung. Zugleich bleiben für ihn Kreativität und Wissen des Ingenieurs wichtigste Güter: „Der Konstrukteur muss nach wie vor die entscheidende Idee haben.“ Aber heute sind weitere Aspekte wichtig geworden, die einen guten Ingenieur ausmachen: „Beispielsweise die umweltverträgliche Verantwortung für spätere Anwendung seines Werks. Des Weiteren sind die Beherrschung des Kosten- und Zeitmanagements, das Wissen über Normen und Gesetzesvorgaben, Mitarbeiterführung und Teamfähigkeit wichtige Voraussetzungen für ein erfolgreiches Wirken.“

Weck hat diese Ansprüche zeitlebens erfüllt, so die Einschätzung seiner Kollegen: „Er ist einer der genialsten Maschinenkonstrukteure. Mit ihm Industrieprojekte gemeinsam zu akquirieren, war immer Freude und Herausforderung zugleich. Wenn er den Bedarf an eine Maschine geschildert bekam, ließ er sich sofort die technische Zeichnung kommen, beugte sich darüber und zeichnete so eben eine konstruktive Lösung ein“, berichtet Professor Günther Schuh, derzeitig geschäftsführender Direktor des WZL. Manfred Weck habe dazu beigetragen, dass die metallverarbeitende Industrie und der deutsche Maschinenbau ihre Produktivität kontinuierlich steigern konnten. Er schuf beispielsweise Vorgehensweisen, mit denen sich das statische, dynamische und thermische Verhalten von Werkzeugmaschinen simulieren, visualisieren und optimieren lassen. Diese Leistungen begründeten auch 2015 seine Aufnahme in die Hall of Fame der deutschen Forschung.

Ein Büro im Gebäude, das seinen Namen trägt

Wöchentlich ist der designierte Ingenieurpreisträger noch in seinem Büro anzutreffen, in dem Hochschulgebäude, das seinen Namen trägt. Doch er spricht nicht gern vom „Manfred-Weck-Haus“, zu viel Aufhebens um seine Person ist ihm eher peinlich, er steht nicht gern im Mittelpunkt. Ja, er habe den Bau vorangetrieben. Seine Nachfolger sollten schließlich in einem modernen Gebäude aufgehoben sein, um dort zu forschen. Dass das aktuelle WZL-Direktorium den Neubau 2007 dann nach ihm benannte, war eine Überraschung für ihn.

Von diesem Haus aus erlebt Manfred Weck nun, wie die nächste Generation WZL-Direktoren Themen wie Industrie 4.0 forcieren. „Aber ich würde meinem Nachfolger nicht reinreden. Herwart Opitz hat das auch nie gemacht. Er hat immer nur gesagt: Jungs, ihr wisst, wo ich wohne.“ Aus Interesse ist er noch bei einem Automobilzulieferer eingebunden und mischt in der Entwicklung mit. „Das macht mir sehr viel Freude.“

Zeitlebens hat Weck es aber auch immer verstanden, sich von der geliebten Aufgabe Maschinenbau zu lösen. Er könne bestens abschalten, sagt er und erzählt von seinem großen Garten mit dem Teich, in dem die Kois ihre Bahnen ziehen. Er war in jungen Jahren ein guter Geräteturner, entspannt sich auch heute noch beim Tennis, wandert immer noch gerne und spielt Klavier. Neben all seiner Technik-Freundlichkeit ist er aber auch ein ständiger Beobachter und demütiger Bewunderer der Natur in all ihren Erscheinungsbildern, was ihn zu einem leidenschaftlichen Hobby-Fotografen gemacht hat. Seine liebste Beschäftigung war und ist aber das Segeln in jeder Art – vom Surfbrett über Jolle bis zum Großschiff. Es tue gut, sich vom Wind treiben zu lassen, sagt er. Aber auch hier gebe es an Schiff und den Segeln ständig etwas zu optimieren.