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Das Porträt: Sebastian Thrun

Der Fan des Fortschritts

„Ein Mensch, beseelt von Technologie“. So beschrieb Die Welt Professor Sebastian Thrun Anfang des Jahres. Thrun weiß, dass es eine Reihe solcher Formulierungen über ihn gibt. Denn es gibt viele gute Gründe, wegen derer ihn die FAZ den „Pionier des selbstfahrenden Autos“ und der NDR den „Erfinder autonomer Fahrzeuge“ nennen und das Handelsblatt vom „Hightech-Pionier“ Thrun schreibt. Tatsächlich steht der 53-Jährige aus Solingen für technischen Fortschritt wie kaum ein Zweiter, wobei Technologie für ihn immer Mittel zum Zweck ist. „Ich bin ein großer Fan des technologischen Fortschritts. Für mich ist Technologie ein Werkzeug. Wir haben Messer und Gabel, um das Essen besser aufzunehmen, und wir haben einen Computer, um besser zu kommunizieren, besser Entscheidungen zu treffen und besser Wissen zu vermitteln“, sagt er.

Der Experte für Künstliche Intelligenz ist nach dem Studium an den Universitäten in Hildesheim und Bonn in die USA gegangen. Hier startete er seine Karriere 1998 als Assistant Professor an die Carnegie Mellon University in Pittsburgh, Pennsylvania, wo er Professor Tom Mitchell, einen Spitzenforscher des Maschinellen Lernens, kennenlernte. Er wurde sein Mentor, inspirierte Thrun nachhaltig. 2003 folgte der Umzug nach Kalifornien – er wurde Associate Professor und später Full Professor an der Stanford University sowie Leiter des Artificial Intelligence Lab der Universität. Dort sorgte Thrun schnell für Aufsehen, als er 2005 mit dem Stanford Racing Team einen großen Wettbewerb für selbstfahrende Autos gewann. Der junge deutsche Informatiker war kaum im Valley angekommen, da erhielt er eine E-Mail. Absender: Google-Gründer Larry Page. Page hatte von Thrun gehört und wollte ihm unbedingt einen Roboter zeigen. Es kam zu einem Treffen, und der Kontakt hielt. Er blieb so intensiv, dass Thrun 2011 zu Google wechselte. Heute sind sie gute Freunde.

Die Google-Jahre: selbstfahrende Autos, Datenbrillen und der große „Street View“

Während seiner Zeit bei Google baute Thrun das Forschungslabor „Google X“, sozusagen die Zukunftsfabrik des Megakonzerns auf, die Projekte wie „Google Street View“ und die Datenbrille „Google Glass“ verantwortete. Alles gute Gründe für die Vokabeln, mit denen über Thrun berichtet wird. Oder wie es die FAZ so treffend zusammenfasst: „Wer Sebastian Thrun nicht kennt, der hat verpasst, wie zukunftsfähig Deutsche sein können.“ Vor dem Hintergrund der Corona-Pandemie verständigten sich RWTH und Stadt Aachen in Rücksprache mit dem Beirat des Aachener Ingenieurpreises darauf, die Verleihung in das Jahr 2021 zu verlegen. 

Professor Thrun folgt auf den schwäbischen Familienunternehmer Hans Peter Stihl, weitere Preisträger waren Berthold Leibinger (gestorben 2018), der aus der kleinen schwäbischen Maschinenfabrik Trumpf einen High-Tech-Konzern der Lasertechnologie machte, Franz F. Pischinger, der als RWTH-Professor die FEV Motorentechnik GmbH als Spin-off in Aachen gründete, der Astronaut Thomas Reiter, der langjährige Direktor am Werkzeugmaschinenlabor WZL der RWTH, Professor Manfred Weck, sowie die Mikrobiologin Professorin Emmanuelle Charpentier, deren Entdeckung CRISPR-Cas9 die Welt der Biotechnologie grundlegend veränderte. Die gemeinschaftliche Auszeichnung von Stadt und RWTH Aachen wird unterstützt durch den Verein Deutscher Ingenieure VDI. Er stiftet die Skulptur „Kreuzende Ellipsen“ der Künstlerin Mariana Castillo Deball, die Thrun im Rahmen des festlichen Aktes im Aachener Rathaus verliehen wird.

Alle Preisträger stehen dabei für gesellschaftliche und wirtschaftliche Impulse sowie die Gabe, jüngere Generationen zu inspirieren. „Sebastian Thrun ist ein weltweit anerkannter Technologie-Pionier. Der in Deutschland geborene Informatiker verkörpert den digitalen Fortschritt wie kaum ein Zweiter und setzt seit mehr als 20 Jahren herausragende Impulse in den Forschungsfeldern Künstliche Intelligenz, Autonomes Fahren und digitale Hochschulbildung“, begründet der Rektor der RWTH Aachen, Professor Ulrich Rüdiger die Entscheidung.

Inspirierend will Thrun sein. „Ich inspiriere gerne junge Menschen. Zum Leben gehört es, auch mal Risiken einzugehen, etwas zu wagen. Manche Menschen haben davor naturgemäß große Angst. Wenn ich die Chance habe, Leute positiv zu beeinflussen, dann nehme ich diese gerne wahr“, sagt er. Technologie ist für ihn das Werkzeug, mit dem die Menschen die Zukunft gestalten können. „Ich bin begeistert davon, was wir in der Gesellschaft mit Technologie erreichen können – und auch schon erreicht haben. Ich betrachte die Welt immer gerne makroskopisch. Vor 500 Jahren gab es in Europa viele Kriege, Menschen waren versklavt und lebten in extremer Armut. Und heute? Wir haben Frieden, eher zu viel als zu wenig zu essen, die meisten Menschen sind ausgebildet, können lesen und schreiben, wir leben doppelt so lange – und das alles aufgrund des technologischen Fortschritts“, erklärt er.

Der typische Thrun-Optimismus

Es steckt Optimismus in diesen Worten, der typisch ist für Sebastian Thrun. Diesen will er im Rahmen der Preisverleihung gerne teilen. „Das ist eine große Auszeichnung. Deutschland ist ein wahnsinnig starkes Land. Hier wurde das Automobil erfunden, der Buchdruck, das Motorflugzeug – und es ist auch heutzutage noch ein Erfinderland. Dafür darf man sich in Deutschland auch mal auf die eigene Schulter klopfen. Aber Deutschland ist für mich leider immer etwas zu pessimistisch. Insofern freue ich mich, die Menschen, speziell junge Leute, dafür begeistern zu können, was möglich ist. Und ich möchte den Optimismus, den ich im Silicon Valley gewonnen habe, zurück nach Deutschland bringen“, sagt er.

Mit dem Flugtaxi wird Sebastian Thrun (noch) nicht zur Preisverleihung kommen. Auch wenn er mit seinem Unternehmen Kitty Hawk (mit Larry Page gegründet) mehr als 150 Prototypen und 26.000 Testflüge absolviert hat. Es mag immer noch visionär klingen, so ein Flugtaxi. Aber Thrun ist eben ein Mensch, der Visionen wirklich werden lassen kann. Und eine Vorstellung, wo so ein Flugtaxi eines Tages landen soll und wird, hat er: in seinem Vorgarten. Wobei er betont, dass es ihm mit seinen Projekten nicht um den Komfort vermögender Manager geht, sondern um alle Menschen. „Am Ende muss es darum gehen, das Leben aller Menschen zu verbessern. Das muss das gemeinsame große Ziel sein“, so Thrun.

Die Basis seiner Visionen: Künstliche Intelligenz. Schon im Grundstudium der Informatik hat Thrun, der als Teenager in einem Versandhaus Stunden vor dem Ausstellungscomputer verbrachte und dort programmierte, die Künstliche Intelligenz als sein großes Thema entdeckt. Sie blieb es. Heute bauen seine Visionen auf ihr auf. „Ich glaube, dass eine große Demokratisierung durch Technologie erfolgen wird. In 30 Jahren werden die ganzen Grundbedürfnisse, die wir haben, quasi kostenlos abgedeckt werden. Gesundheitsversorgung und Essen werden quasi kostenlos sein, wir werden alle Wohnraum haben, Kleidung wird quasi kostenlos sein, Ausbildung wird kostenfrei sein, von A nach B zu kommen, wird extrem günstig sein – und alles ist für jeden Menschen verfügbar. Extreme Armut wird Mitte der 2040er Jahre komplett verschwunden sein – weltweit. Vor 100 Jahren war das undenkbar.“

Das Ende repetitiver Arbeit

Ja, die Welt wird sich verändern. In kleinen Schritten, wie Thrun, sagt. „Jede Art von repetitiver Arbeit, also sich wiederholender Arbeit, wird in einigen Jahren von Computern gemacht. Computer fahren jetzt schon besser Auto und steuern besser Flugzeuge als wir Menschen. In der medizinischen Diagnostik gibt es Beispiele, bei denen Computersysteme Krebs besser identifizieren als die besten Mediziner.“ Er könnte sich sogar vorstellen, einen Chip im Hirn zu tragen, sollte dieser frühzeitig schwere Erkrankungen identifizieren.

Thrun verweist darauf, dass es nicht die erste große Veränderung der Menschheit sei: „Vor 500 Jahren haben wir alle in der Landwirtschaft gearbeitet. Durch die Erfindung von Maschinen haben wir es geschafft, dass heute nur noch ein Prozent der Menschen in Deutschland in der Landwirtschaft arbeiten und fast alle anderen in Jobs, die wir neu erfunden haben.“ Natürlich sei dies für viele schwer vorstellbar, aber der technische Fortschritt sei zweifellos da und werde immer dynamischer. „Über das Smartphone haben wir 2007 gelacht. Erst hat es sich fast gar nicht, dann rasant verkauft. Finden Sie heute mal einen Menschen, der kein Smartphone hat. Gibt es kaum noch. Und das binnen kaum mehr als zehn Jahren. Das ist unheimlich schnell“, erzählt Thrun. Die Zukunft hat für ihn längst begonnen.

Bildung sei dabei ihr Fundament, deswegen hat er 2012 die global agierende Online-Akademie Udacity aufgebaut, um Wissen stärker als bisher zu verbreiten. Als Stanford-Professor hat er 2011 eine Vorlesung zu Künstlicher Intelligenz („Introduction to Artificial Intelligence“) für einen symbolischen Teilnahmebetrag weltweit geöffnet – und plötzlich gab es 160.000 Anmeldungen. Das hat ihm aufgezeigt, was möglich ist. Heute sagt er: „Wenn wir Weltklasse-Ausbildung – Stanford-Level oder auch Aachen-Level – in alle Welt bringen, können wir das Bruttosozialprodukt verdoppeln.“

Da ist er wieder, der Thrun-Optimismus, und sein Mut, die Dinge anzupacken. „Eine meiner Regeln ist: Ich darf jeden Fehler machen, aber immer nur einmal, nicht zweimal. Das ist meine Grundregel. Wenn ich einen Fehler mache und davon lerne, ist das okay“, sagt er. Als Professor, als Google-Executive Vice President und als Gründer habe er nach dieser Maxime gelebt.

Was noch kommt? In den USA haben die Menschen im Durchschnitt sieben Karrieren. Thrun hat also noch vier vor sich. Ideen hat er gewiss. Zuletzt hat er oft mit Larry Page zusammengesessen und über neue Projekte gesprochen. „Was mich im Silicon Valley bewegt, ist, dass die Leute hier ganz anders denken. Dass sie bereit sind, wirklich alles zu hinterfragen“, sagt Thrun. „Es gibt zwei Arten zu denken. Das analoge und das logische Denken. Das analoge Denken ist die Regel. Wir tragen Hemd und Hose, weil wir als Männer Hosen tragen und nicht, weil Hosen besser vor Kälte schützen als Röcke. Wenn ich aber rein logisch denke, dann komme ich zu völlig neuen Lösungen. Albert Einstein hat nicht die Relativitätstheorie entwickelt, weil er so gedacht hat wie die Menschen vor ihm.“ Neue Projekte werden also gewiss folgen. Bald. Und wenn er davon spricht, dann wirkt er tatsächlich beseelt. Davon, wie die Technologie die Welt besser machen kann.

Text: Thorsten Karbach und Sven Wamig